Auszug aus 'Der Scheingatte' (publizierter Erstling)
Tom war etwa seit einer halben Stunde im Büro und steckte mitten in der Arbeit, als Hanno hereintrat und ihn überfallartig mit einem verlockenden Vorschlag begrüßte.
„Hallo Tomas“, erklang Hannos Stimme wie immer freundlich und warm, als die Tür geöffnet wurde. „Möchtest du gerne dreißigtausend Franken verdienen?“ platzte er gleich ohne Vorwarnung heraus und hatte noch nicht mal die Winterjacke abgelegt. Tom musste sich zuerst vergewissern, dass er richtig gehört hatte und fragte nach, ob Hanno sich wiederholen könnte.
„Du müsstest dazu lediglich eine Frau heiraten“, meinte er, als handle es sich um etwas ganz Alltägliches. Da Tom Hanno mittlerweile recht gut kannte, wusste er, dass Hanno nicht scherzte. Sein Blick und seine Worte verrieten ihm, dass er es absolut ernst meinte. Tom lehnte sich zurück und schlug die Hände hinter den Kopf.
„Könntest du mir das bitte genauer erklären?“ fragte er etwas entgeistert aber mit brennendem Interesse. Hanno setzte sich endlich hin und erläuterte ihm kurz die Situation.
„Du weißt ja, dass ich eine Freundin habe“, sagte er mit verschmitzten Zügen um den Mund, so als habe er etwas zu verbergen. Er war immer ein bisschen zurückhaltend, wenn es um seine Partnerin ging, wofür er aber auch triftige Gründe besaß, in seiner Eigenschaft als stockkonservativer Politiker; seine Freundin stammte aus der Ukraine und arbeitete als Animierdame in einem stadtbekannten Cabaret.
„Diese wiederum hat eine Freundin, die gerne in der Schweiz bleiben würde“, fuhr er fort, „das geht jedoch nur, wenn sie einen Schweizer heiratet!“
„Aha“, bemerkte Tom in versuchter Kühlheit, obwohl es vor Aufregung in ihm brodelte. „Und dafür soll ich dreißig Riesen erhalten?“ fragte er, innerlich schon nach dem Geld lechzend. Hanno nickte lächelnd und meinte:
„Sie sieht sehr hübsch aus!“ Tom lächelte zurück und erwiderte, dass ihm ihr Äußeres völlig wurscht wäre, wenn er ein solches Geschäft abschließen würde. Hauptsache, das Geld erwiese sich nicht als leeres Versprechen.
„Du bist also dabei?“ fragte Hanno aufgeregt, „das ist eine einmalige Chance!“
„Moment, Moment“, wehrte Tom ab und erklärte Hanno, dass er vorerst in ein Treffen mit allen in den Plan eingeweihten Personen, also auch mit Hanno und seiner Freundin, einwilligen würde. „Klar“, sagte Hanno nickend und griff zum Telefon, „ich werde es der Dame gleich mitteilen, ja?“
„Das geht ja flott“, bemerkte Tom mit spitzbübischem Grinsen, „sie scheint wohl auf deinen Anruf direkt zu warten?“ Hanno lachte.
„Was meinst du, wie die sich freuen wird!“ meinte er sichtlich zufrieden und hielt den Hörer ans Ohr.
„Ja? Swetlana?“ fragte er strahlend. „Ich habe eine gute Nachricht für dich. Es könnte sich ein Mann gefunden haben!“ Nach einer kurzen Pause: „Ja, ja ... es ist ein vertrauenswürdiger Mann, glaube mir. Er möchte, dass wir uns demnächst einmal treffen. Kannst du dies Mario noch mitteilen, ja? Super! Dann bis bald, wir warten dann also auf einen Anruf von dir oder Mario!“ Hanno legte den Hörer wieder auf die Gabel.
„Sie soll sich aber noch keine zu großen Hoffnungen machen, diese Swetlana, hast du vorhin gesagt, oder?“
„Ja, Swetlana heißt die Dame“, bestätigte Hanno.
„Es gibt da schon noch ein paar Fragen zu klären“, unterbrach Tom Hannos euphorische Stimmungslage. Er schien wirklich besessen von der Idee zu sein, ihn zum Schein zu verheiraten. „Zudem muss ich erst mal eine Nacht darüber schlafen und mir in aller Ruhe einige Gedanken zu diesem nicht ganz risikofreien Geschäft machen!“
„Das ist doch klar“, meinte er besänftigend, „ich würde dies wohl auch tun, wenn ich zum Beispiel Irina auf diese Art und Weise heiratete!“ Irina war Hannos Freundin, die Animierdame aus der Ukraine.
„Sag mal“, fiel Tom dann ein, „stammt diese Swetlana eigentlich auch aus der Ukraine?“
„Ja; sie hat bis vor ein paar Wochen ebenfalls in einem Cabaret gearbeitet; auch als Animiergirl“, erklärte Hanno. „Dabei hat sie einen Mann kennen gelernt, einen Kunden, der sich sofort in Swetlana verliebte.“
„Diesen ... Mario, den du vorhin am Telefon erwähntest?“
„Genau! Mario möchte nun, dass Swetlana in der Schweiz bleiben kann, zumal ihr Visum schon bald ablaufen wird. Sie kann nicht länger als Animiergirl arbeiten, das heißt, sie will auch gar nicht, glaube ich zumindest.“
„Wieso heiratet denn dieser Mario sie nicht?“ fragte Tom ungläubig.
„Er würde ja gerne, bloß stellt sich seine Noch-Ehefrau quer; so wie mir Mario schon gesagt hat ...“, unterbrach Hanno sich kurz und kramte ein paar Fotos aus seiner Ledermappe hervor, „... hier siehst du einige Fotos, die im Rahmen eines Anlasses im Parlament gemacht wurden.“ Er legte die Bilder auf den Tisch und deutete auf zwei Personen. „Das sind Swetlana und Mario“, bemerkte er und fuhr fort. „So wie mir Mario sagte, will sich seine Frau nicht scheiden lassen; noch nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich kann mir vorstellen, dass das Geld und der Luxus, in dem diese Frau lebt, eine wichtige Rolle spielen!“
„Dann geht es Mario offenbar nicht übel, finanziell meine ich?“ Hanno lächelte.
„Nein, nein! Ich weiß zwar nicht genau, was er beruflich macht, ich glaube, er ist Anwalt oder so, aber auf jeden Fall hat er sehr große finanzielle Mittel zur Verfügung.“ Hanno fügte hinzu, dass dieser Mario selbstverständlich sämtliche Kosten übernehmen würde; sowohl im Falle der Heirat als auch der Scheidung.
„Übrigens, wie lange müsste ich eigentlich mit dieser Swetlana verheiratet sein?“ Hanno zuckte mit den Achseln.
„So wie ich gehört habe und selber auch vermute, dürften es etwa drei Jahre sein!“ Tom nickte und meinte, dass dies ja noch anginge, obwohl ihm diese Frist etwas kurz schien.
„Dennoch muss ich mich gründlich mit der Sache auseinander setzen“, zweifelte Tom noch arg, „aber die Aussicht auf dreißig Mille ist natürlich schon verlockend ...!“ Er winkte schließlich ab. „Wie gesagt, wir müssen zuerst einmal alle zusammenkommen und über die Dinge reden; sich jetzt darüber Gedanken zu machen, ist wenig hilfreich!“
Es fiel Tom in den folgenden Stunden nicht gerade einfach, seine Arbeiten seriös zu erledigen. Dauernd musste er an Hannos Vorschlag denken, was Hanno selbst in hohem Masse auch verschuldete. Schließlich rief er ihm durch seine ständigen Bemerkungen und Motivationsbestrebungen, Swetlana zu heiraten, die Sache immer wieder in Erinnerung. Der Rest des Nachmittags zeichnete sich dadurch vorwiegend durch dieses Thema aus. Eigentlich konnte es Tom ja egal sein, denn Hanno war sein Chef. Wenn er wegen ihm in Verzug kam und die Arbeit auf der Strecke blieb, so war das nicht Toms Fehler. Dennoch riet er ihm in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter dazu, sich wieder um die politischen Geschäfte zu kümmern; alles Weitere zur Sache würden sie im Rahmen der großen Begegnung mit Mario und Swetlana besprechen können.
Nur wenige Tage danach verabredeten sich Hanno, Irina, Swetlana, Mario und Tom zu einem gemeinsamen Dinner in einem Lokal außerhalb der Stadt. Tom schlug vor, die Konferenz in gemütlicher Atmosphäre abzuhalten, und nebenbei gleich um das leibliche Wohl bemüht zu sein. Es redete sich besser mit gefülltem Bauch und Wein auf der Zunge. Seine Gesprächspartner waren einverstanden, und so trafen sie sich eines Abends vor besagtem Restaurant.
Hanno und Irina warteten bereits, als Tom eintraf und beide kurz begrüßte. Tom kannte Hannos Freundin schon, da er sie zwei-, dreimal ins Büro mitgenommen hatte. Hanno beklagte sich nicht selten, dass Irina kaum Deutsch sprechen konnte. Er wollte sie ständig ermutigen, entsprechende Kurse zu besuchen, stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Stattdessen sprach Irina ziemlich gut englisch, was wiederum Hanno sauer aufstieß. Er war ein erklärter Gegner dieser Sprache und wurde schon im Parlament vorstellig, die deutsche Sprache vor englischen Einflüssen zu schützen. Tom unterhielt sich hingegen sehr gerne mit Irina, obschon sie einen ausgesprochen kühlen Eindruck machte. Manchmal fragte er sich, was Hanno wohl an dieser Frau gefunden hatte, die er laufend umgarnte. Seine Bemühungen, es Irina möglichst recht machen zu wollen, wurden von ihr aber selten bis nie erwidert. Tom wurde den Eindruck nicht los, dass Irina mit Hanno bloß spielte und vielleicht sogar auf etwas Ähnliches aus war, wie ihre Freundin Swetlana. Vielleicht trachtete sie danach, Hanno irgendwann auch zu heiraten, bevor ihre Aufenthaltsgenehmigung ablaufen sollte. Aber er hütete sich, Hanno seine Bedenken mitzuteilen; Hanno musste selber mit der Situation klarkommen.
Sie mussten nicht lange warten, da tauchte aus der Ferne ein silbergrauer Schlitten auf. Hanno meinte:
„Da kommen sie!“
Tom zog noch einige Male an seiner Zigarette und ließ sie alsobald fallen. Sein Herz pochte fast hörbar laut vor Aufregung. Der teure Wagen mit Basler Kennzeichen hielt unmittelbar vor dem Lokal, und Tom versuchte einen Blick in das Innere zu erhaschen. Am Steuer saß ein dunkelhaariger Typ mit noch dunklerer Sonnenbrille. Freundlich lächelte er das Grüppchen an, und ließ den linken Arm lässig aus dem Fenster des Autos baumeln.
Macho, dachte Tom und schmunzelte. Er musste sich Mühe geben, nicht gleich Vorurteile aufkommen zu lassen, aber im ersten Moment konnte er den Kerl wirklich nicht ernst nehmen.
Flink entstieg er seiner teuren Karosse und packte die Sonnenbrille weg, um stattdessen eine normale Sehbrille aufzusetzen. Tom musste lächeln, als er feststellte, wie kleinwüchsig Mario war. Normalerweise machte er sich nie lustig über andere Menschen, doch in diesem Falle konnte er nicht anders. Hinter dem Steuer wirkte der Mann mit dem südländischen Touch wie ein über alles erhabener eitler Geck, und kaum hatte er den Wagen verlassen und stand auf den kurzen Beinen, da wurde man schier genötigt zu lachen.
Nichtsdestotrotz war er sehr freundlich, sowie er Tom erblickte und sich wohl dachte, dass dies sein Geschäftspartner sein müsste.
„Darf ich vorstellen?“ meinte er, „Swetlana!“ Er verwies auf die groß gewachsene und sehr elegant gekleidete Frau neben ihm. „Ich bin der Mario!“ Er streckte Tom die Hand entgegen und lachte, sodass seine blitzweißen Zähne zu sehen waren.
„Freut mich sehr“, erwiderte Tom und drückte beiden die Hand. Swetlana war wirklich eine sehr große Frau und wirkte neben dem kleinen Mario wie eine Riesin. Im Gegensatz zu Irina sah sie überhaupt nicht aus wie eine Schickse aus dem Cabaret-Umfeld. Sie war sehr gepflegt und für Toms Geschmack zu stark geschminkt. Auch wäre sie ihm viel zu dünn gewesen, was durch ihre Riesenhaftigkeit noch zusätzlich betont wurde. Aber sie schien eine wachsame und intelligente Person zu sein, und ihre Augen hatten etwas Durchdringendes und Unergründliches. Tom dachte gleich, dass man bei ihr auf der Hut sein sollte. Irgendwie strahlte sie etwas Falsches aus.
„Dann wollen wir doch mal reingehen und zur Sache kommen“, schlug Mario vor. Seine südländische und wohl wollende Art war Tom sofort sympathisch, auch wenn er über die äußeren Eindrücke nach wie vor schmunzeln musste.
„Sehr gerne; ich habe einen Tisch reservieren lassen und betont, dass wir soweit als möglich ungestört sein möchten“, ließ Tom Mario wissen. „Man sagte mir, wir würden uns in einem ruhigen Eck niederlassen können!“
„Super! Dann schauen wir mal!“
Kaum war Tom Mario gegenübergetreten und hatte ein paar erste Worte mit ihm geredet, da wusste er, mit wem er bei diesem eventuellen Geschäft – es war ja noch gar nichts beschlossen – in erster Linie verhandeln würde. Mario entpuppte sich sehr schnell als Wortführer und Ansprechperson. Swetlana blieb im Hintergrund und sagte vorerst kein Wort.
Sie ließen sich einen guten Tropfen zum Aperitif bringen und stießen erstmal an.
„Willst du?“ fragte Tom Mario, ob er eine von seinen Zigaretten wolle.
„Danke, sehr gerne.“ Swetlana rauchte bereits von ihrer Marke. Obwohl sie nicht den Hauch von Nervosität verspüren ließ, rauchte sie Kette. Sie waren sich vor vielleicht zehn Minuten begegnet, und sie hatte schon die dritte Zigarette angesteckt. Irina machte ebenfalls sehr stark Gebrauch von ihrer Packung, was Hanno mit Sicherheit gar nicht in den Kram passte. Eigentlich verabscheute er Frauen, die rauchten und tranken. Er war der typische Ex-Raucher, der sich zu einem fast militanten Nichtraucher entwickelte und aus seiner Abneigung gegen den blauen Dunst keinen Hehl machte.
Tom musste für sich lachen und wandte sich Mario zu, der ihm eine Menge Fragen zu beantworten hatte.
„Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass ich an der Sache sehr interessiert bin“, erklärte Tom ihm. „Aber du verstehst meine Skepsis in einigen Punkten, die ich schon etwas genauer erklärt haben möchte?“ Mario nickte.
„Deswegen haben wir uns ja hier getroffen“, bestätigte er. „Ich danke dir schon jetzt für dein Interesse! Aber was möchtest du genau wissen?“
„Für mich stellen sich drei Fragen zur Erörterung: einmal würde ich gerne wissen, was steuerrechtlich auf mich zukommen wird, wenn ich Swetlana heirate; ich möchte nicht eines Tages eine böse Überraschung erleben und wie ein Esel Steuern berappen.“ Tom wusste noch von seinen Eltern, dass sie unsäglich viele Einkommenssteuern zu entrichten hatten, nach den damaligen Steuergesetzen.
„Das ist kein Problem“, versicherte Mario. „Swetlana wird kein Einkommen generieren, womit du steuerrechtlich keine wesentliche Änderung erfahren wirst!“
„Kannst du mir versprechen, dass Swetlana keiner offiziellen Arbeit nachgehen wird?“ fragte Tom misstrauisch.
„Auf jeden Fall! Solange sie in der Zeit eurer Ehe ohnehin nur eine B-Bewilligung besitzen wird, kann sie kaum eine Stelle kriegen; das ist enorm schwierig unter diesen Voraussetzungen!“
„Der zweite Punkt betrifft Swetlanas Kind“, fuhr Tom fort. Swetlana hatte einen minderjährigen Sohn, der bereits in der Schweiz war. „Bin ich in irgendeiner Form verpflichtet, für den Jungen zu sorgen und müsste ihn sogar adoptieren?“
Mario wehrte mit Händen ab.
„Nein, nein; Swetlana trägt die absolute Verantwortung für den Buben, und adoptieren musst du ihn erst recht nicht!“ Tom kam sich vor wie ein blutiger Anfänger und Nichtswisser, wie er diese Fragen stellte. Nun, er war ja auch ein Anfänger, zumindest hatte er noch nie vorher geheiratet; weder zum Schein noch aus Liebe. Es war ihm schon fast ein wenig peinlich, aber was noch viel unangenehmer war, er wusste nicht, wie weit er sich auf Marios Aussagen verlassen konnte. Mario merkte das offenbar und machte Tom einen Vorschlag.
„Ich kann versuchen, eine befreundete Anwältin mit der Sache zu betrauen. Sie könnte dir dann die Rechtslage noch genauer erklären.“
„Sag mal“, fiel Tom dann ein, „was machst du eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?“ Tom erinnerte sich an das Gespräch, das er mit Hanno im Büro führte. Er mutmaßte, dass Mario Anwalt sei, aber das hielt er jetzt für eher ausgeschlossen.
„Ich bin als Finanzchef in einem Medienkonzern tätig“, sagte er ohne Umschweife und fragte nicht einmal, warum Tom das wissen wollte. Das machte ihm Eindruck, denn es zeugte von Vertrauen.
„Ah“, machte Tom erleichtert, „ich dachte, du seiest Anwalt oder so!“ Er lachte und meinte, dass die Wirtschaft ihm näher liegen würde; mit Juristerei habe er nichts am Hut.
„Aber zurück zur Sache. Du sagtest vorhin, dass mir eine Anwältin die Rechtslage verdeutlichen könnte?“
„Ja, bloß gibt es einen Haken“, sagte er und kaute auf den Lippen. „Die Frau weiß überhaupt nichts von dieser Angelegenheit. Ich weiß nicht, wie und ob ich sie ins Vertrauen ziehen soll. Wir sind seit einigen Jahren schon befreundet, aber ich habe keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn ...“
„... sie erfahren würde, was wir beabsichtigen“, vollendete Tom den Satz und steckte sich eine weitere Zigarette an.
„Doch“, sagte Mario plötzlich, „ich werde sie benachrichtigen und fragen, ob sie uns helfen wird!“ Tom merkte, dass Mario in der Tat Angst hatte vor diesem Schritt. Aber er gab ihm zu verstehen, wie viel ihm an der Aussage einer juristischen Fachfrau liegen würde. Darüber brauchte Tom keine Worte zu verlieren; Mario merkte dies irgendwie.
„Gut. Dann gibt es noch einen letzten Punkt zu klären“, meinte Tom und wurde plötzlich von Hanno unterbrochen.
„Entschuldige Tomas“, sagte Hanno zurückhaltend, „aber wäre es nicht besser, wenn ihr euch auf Hochdeutsch unterhalten würdet? Sonst verstehen die beiden Frauen zu wenig!“ Mario und Tom schauten sich an und merkten erst jetzt, dass sie die ganze Zeit schon Dialekt sprachen.
„Ist schon gut“, erwiderte dann aber Swetlana. „Ich verstehe schon genug!“ Swetlana schien sich über Hannos Intervention ein bisschen zu ärgern; ihr Tonfall machte jedenfalls diesen Eindruck. Irina machte sich offensichtlich überhaupt nichts aus der Unterhaltung. Sie saß teilnahmslos auf ihrem Stuhl und rauchte eine Zigarette nach der andern.
Mario und Tom beherzigten Hannos gut gemeinten Vorschlag und setzten ihre Diskussion auf Hochdeutsch fort.
„Also“, fuhr Tom fort, „wir waren beim dritten Punkt angelangt, den ich abklären möchte. Wir haben noch gar nicht über die Dauer dieser ... hm ... sagen wir mal ‚administrativen Ehe’ geredet. Hanno sagte mir etwas von drei Jahren, aber das scheint mir nicht sehr lange zu sein, um Swetlana eine ständige Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen, oder irre ich mich?“
„Doch, doch“, bestätigte Mario kopfnickend. „Du müsstest in der Tat lediglich drei Jahre mit Swetlana verheiratet sein; zusammen mit der Zeit, die sie bis jetzt schon in der Schweiz verbracht hat, reichen diese drei Jahre völlig aus!“ Tom blickte Mario scharf an.
„Wie soll ich das verstehen? Du meinst also, dass die bisherige Aufenthaltsdauer von Swetlana – wie lange ist sie eigentlich schon in der Schweiz?“
„Äh ... knapp zwei Jahre!“
„Also, die zwei Jahre, die Swetlana hier in Form eines Visums verbracht hat plus die drei Jahre, die wir dereinst verheiratet sein würden, sollen ausreichen, damit Swetlana den C-Ausweis erhält? Das erscheint mir etwas merkwürdig!“ Mario lächelte besänftigend.
„Schau, es ist tatsächlich so, dass die bisherige Zeit mit den drei Jahren Ehe summiert wird, sodass Swetlana schließlich erwiesenermaßen während fünf Jahren im Land sein wird. Damit hätte sie den Status einer C-Bewilligung erreicht und kann ständig in der Schweiz verbleiben.“ Tom zweifelte sehr stark an dieser Aussage und konnte sich das nicht vorstellen.
„Sorry Mario, wenn ich Zweifel hege, aber ich will ganz sicher gehen“, versuchte er mit Umsicht kritisch zu sein. „Schon aus diesem Grunde möchte ich mich gerne mit deiner Anwaltsfreundin unterhalten!“
„Ich verstehe das vollkommen“, meinte Mario ohne nervös zu werden und bot ihm eine von seinen Zigaretten an.
Endlich nahte die Kellnerin, denn Tom verspürte nach dieser etwas hitzigen Debatte furchtbaren Durst. Kunstvoll reichte sie die Teller mit den Menübestellungen, und er bat noch um ein großes Bier. Seine Hände zitterten schon fast, so groß war der Drang.
Mario wünschte der kleinen Runde auf Russisch einen guten Appetit und strahlte. Tom hatte in der Sache zwar noch nicht zugesagt, aber Mario ahnte irgendwie bereits, dass er das viele Geld einfach nicht ausschlagen konnte. Es war ihm recht, im Verlaufe des restlichen Abends dann nicht mehr über das Geschäft reden zu müssen und stattdessen Mario und Swetlana ein bisschen besser kennen zu lernen.
