Wednesday, February 15, 2006

Auszug aus 'Der Scheingatte' (publizierter Erstling)

Bern, von der UNESCO erklärtes Weltkulturgut und Kapitale der Schweizerischen Eidgenossenschaft, an einem sonnigen Nachmittag ein knappes Jahr zuvor; Tom steckte gerade mitten in der Arbeit im Büro seines Brötchengebers Hanno Voss. Voss wurde vor über einem Jahr in die große Kammer der Bundesversammlung gewählt und hatte ihn als persönlichen Mitarbeiter engagiert.
Tom war etwa seit einer halben Stunde im Büro und steckte mitten in der Arbeit, als Hanno hereintrat und ihn überfallartig mit einem verlockenden Vorschlag begrüßte.
„Hallo Tomas“, erklang Hannos Stimme wie immer freundlich und warm, als die Tür geöffnet wurde. „Möchtest du gerne dreißigtausend Franken verdienen?“ platzte er gleich ohne Vorwarnung heraus und hatte noch nicht mal die Winterjacke abgelegt. Tom musste sich zuerst vergewissern, dass er richtig gehört hatte und fragte nach, ob Hanno sich wiederholen könnte.
„Du müsstest dazu lediglich eine Frau heiraten“, meinte er, als handle es sich um etwas ganz Alltägliches. Da Tom Hanno mittlerweile recht gut kannte, wusste er, dass Hanno nicht scherzte. Sein Blick und seine Worte verrieten ihm, dass er es absolut ernst meinte. Tom lehnte sich zurück und schlug die Hände hinter den Kopf.
„Könntest du mir das bitte genauer erklären?“ fragte er etwas entgeistert aber mit brennendem Interesse. Hanno setzte sich endlich hin und erläuterte ihm kurz die Situation.
„Du weißt ja, dass ich eine Freundin habe“, sagte er mit verschmitzten Zügen um den Mund, so als habe er etwas zu verbergen. Er war immer ein bisschen zurückhaltend, wenn es um seine Partnerin ging, wofür er aber auch triftige Gründe besaß, in seiner Eigenschaft als stockkonservativer Politiker; seine Freundin stammte aus der Ukraine und arbeitete als Animierdame in einem stadtbekannten Cabaret.
„Diese wiederum hat eine Freundin, die gerne in der Schweiz bleiben würde“, fuhr er fort, „das geht jedoch nur, wenn sie einen Schweizer heiratet!“
„Aha“, bemerkte Tom in versuchter Kühlheit, obwohl es vor Aufregung in ihm brodelte. „Und dafür soll ich dreißig Riesen erhalten?“ fragte er, innerlich schon nach dem Geld lechzend. Hanno nickte lächelnd und meinte:
„Sie sieht sehr hübsch aus!“ Tom lächelte zurück und erwiderte, dass ihm ihr Äußeres völlig wurscht wäre, wenn er ein solches Geschäft abschließen würde. Hauptsache, das Geld erwiese sich nicht als leeres Versprechen.
„Du bist also dabei?“ fragte Hanno aufgeregt, „das ist eine einmalige Chance!“
„Moment, Moment“, wehrte Tom ab und erklärte Hanno, dass er vorerst in ein Treffen mit allen in den Plan eingeweihten Personen, also auch mit Hanno und seiner Freundin, einwilligen würde. „Klar“, sagte Hanno nickend und griff zum Telefon, „ich werde es der Dame gleich mitteilen, ja?“
„Das geht ja flott“, bemerkte Tom mit spitzbübischem Grinsen, „sie scheint wohl auf deinen Anruf direkt zu warten?“ Hanno lachte.
„Was meinst du, wie die sich freuen wird!“ meinte er sichtlich zufrieden und hielt den Hörer ans Ohr.
„Ja? Swetlana?“ fragte er strahlend. „Ich habe eine gute Nachricht für dich. Es könnte sich ein Mann gefunden haben!“ Nach einer kurzen Pause: „Ja, ja ... es ist ein vertrauenswürdiger Mann, glaube mir. Er möchte, dass wir uns demnächst einmal treffen. Kannst du dies Mario noch mitteilen, ja? Super! Dann bis bald, wir warten dann also auf einen Anruf von dir oder Mario!“ Hanno legte den Hörer wieder auf die Gabel.
„Sie soll sich aber noch keine zu großen Hoffnungen machen, diese Swetlana, hast du vorhin gesagt, oder?“
„Ja, Swetlana heißt die Dame“, bestätigte Hanno.
„Es gibt da schon noch ein paar Fragen zu klären“, unterbrach Tom Hannos euphorische Stimmungslage. Er schien wirklich besessen von der Idee zu sein, ihn zum Schein zu verheiraten. „Zudem muss ich erst mal eine Nacht darüber schlafen und mir in aller Ruhe einige Gedanken zu diesem nicht ganz risikofreien Geschäft machen!“
„Das ist doch klar“, meinte er besänftigend, „ich würde dies wohl auch tun, wenn ich zum Beispiel Irina auf diese Art und Weise heiratete!“ Irina war Hannos Freundin, die Animierdame aus der Ukraine.
„Sag mal“, fiel Tom dann ein, „stammt diese Swetlana eigentlich auch aus der Ukraine?“
„Ja; sie hat bis vor ein paar Wochen ebenfalls in einem Cabaret gearbeitet; auch als Animiergirl“, erklärte Hanno. „Dabei hat sie einen Mann kennen gelernt, einen Kunden, der sich sofort in Swetlana verliebte.“
„Diesen ... Mario, den du vorhin am Telefon erwähntest?“
„Genau! Mario möchte nun, dass Swetlana in der Schweiz bleiben kann, zumal ihr Visum schon bald ablaufen wird. Sie kann nicht länger als Animiergirl arbeiten, das heißt, sie will auch gar nicht, glaube ich zumindest.“
„Wieso heiratet denn dieser Mario sie nicht?“ fragte Tom ungläubig.
„Er würde ja gerne, bloß stellt sich seine Noch-Ehefrau quer; so wie mir Mario schon gesagt hat ...“, unterbrach Hanno sich kurz und kramte ein paar Fotos aus seiner Ledermappe hervor, „... hier siehst du einige Fotos, die im Rahmen eines Anlasses im Parlament gemacht wurden.“ Er legte die Bilder auf den Tisch und deutete auf zwei Personen. „Das sind Swetlana und Mario“, bemerkte er und fuhr fort. „So wie mir Mario sagte, will sich seine Frau nicht scheiden lassen; noch nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich kann mir vorstellen, dass das Geld und der Luxus, in dem diese Frau lebt, eine wichtige Rolle spielen!“
„Dann geht es Mario offenbar nicht übel, finanziell meine ich?“ Hanno lächelte.
„Nein, nein! Ich weiß zwar nicht genau, was er beruflich macht, ich glaube, er ist Anwalt oder so, aber auf jeden Fall hat er sehr große finanzielle Mittel zur Verfügung.“ Hanno fügte hinzu, dass dieser Mario selbstverständlich sämtliche Kosten übernehmen würde; sowohl im Falle der Heirat als auch der Scheidung.
„Übrigens, wie lange müsste ich eigentlich mit dieser Swetlana verheiratet sein?“ Hanno zuckte mit den Achseln.
„So wie ich gehört habe und selber auch vermute, dürften es etwa drei Jahre sein!“ Tom nickte und meinte, dass dies ja noch anginge, obwohl ihm diese Frist etwas kurz schien.
„Dennoch muss ich mich gründlich mit der Sache auseinander setzen“, zweifelte Tom noch arg, „aber die Aussicht auf dreißig Mille ist natürlich schon verlockend ...!“ Er winkte schließlich ab. „Wie gesagt, wir müssen zuerst einmal alle zusammenkommen und über die Dinge reden; sich jetzt darüber Gedanken zu machen, ist wenig hilfreich!“
Es fiel Tom in den folgenden Stunden nicht gerade einfach, seine Arbeiten seriös zu erledigen. Dauernd musste er an Hannos Vorschlag denken, was Hanno selbst in hohem Masse auch verschuldete. Schließlich rief er ihm durch seine ständigen Bemerkungen und Motivationsbestrebungen, Swetlana zu heiraten, die Sache immer wieder in Erinnerung. Der Rest des Nachmittags zeichnete sich dadurch vorwiegend durch dieses Thema aus. Eigentlich konnte es Tom ja egal sein, denn Hanno war sein Chef. Wenn er wegen ihm in Verzug kam und die Arbeit auf der Strecke blieb, so war das nicht Toms Fehler. Dennoch riet er ihm in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter dazu, sich wieder um die politischen Geschäfte zu kümmern; alles Weitere zur Sache würden sie im Rahmen der großen Begegnung mit Mario und Swetlana besprechen können.

Nur wenige Tage danach verabredeten sich Hanno, Irina, Swetlana, Mario und Tom zu einem gemeinsamen Dinner in einem Lokal außerhalb der Stadt. Tom schlug vor, die Konferenz in gemütlicher Atmosphäre abzuhalten, und nebenbei gleich um das leibliche Wohl bemüht zu sein. Es redete sich besser mit gefülltem Bauch und Wein auf der Zunge. Seine Gesprächspartner waren einverstanden, und so trafen sie sich eines Abends vor besagtem Restaurant.
Hanno und Irina warteten bereits, als Tom eintraf und beide kurz begrüßte. Tom kannte Hannos Freundin schon, da er sie zwei-, dreimal ins Büro mitgenommen hatte. Hanno beklagte sich nicht selten, dass Irina kaum Deutsch sprechen konnte. Er wollte sie ständig ermutigen, entsprechende Kurse zu besuchen, stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Stattdessen sprach Irina ziemlich gut englisch, was wiederum Hanno sauer aufstieß. Er war ein erklärter Gegner dieser Sprache und wurde schon im Parlament vorstellig, die deutsche Sprache vor englischen Einflüssen zu schützen. Tom unterhielt sich hingegen sehr gerne mit Irina, obschon sie einen ausgesprochen kühlen Eindruck machte. Manchmal fragte er sich, was Hanno wohl an dieser Frau gefunden hatte, die er laufend umgarnte. Seine Bemühungen, es Irina möglichst recht machen zu wollen, wurden von ihr aber selten bis nie erwidert. Tom wurde den Eindruck nicht los, dass Irina mit Hanno bloß spielte und vielleicht sogar auf etwas Ähnliches aus war, wie ihre Freundin Swetlana. Vielleicht trachtete sie danach, Hanno irgendwann auch zu heiraten, bevor ihre Aufenthaltsgenehmigung ablaufen sollte. Aber er hütete sich, Hanno seine Bedenken mitzuteilen; Hanno musste selber mit der Situation klarkommen.
Sie mussten nicht lange warten, da tauchte aus der Ferne ein silbergrauer Schlitten auf. Hanno meinte:
„Da kommen sie!“
Tom zog noch einige Male an seiner Zigarette und ließ sie alsobald fallen. Sein Herz pochte fast hörbar laut vor Aufregung. Der teure Wagen mit Basler Kennzeichen hielt unmittelbar vor dem Lokal, und Tom versuchte einen Blick in das Innere zu erhaschen. Am Steuer saß ein dunkelhaariger Typ mit noch dunklerer Sonnenbrille. Freundlich lächelte er das Grüppchen an, und ließ den linken Arm lässig aus dem Fenster des Autos baumeln.
Macho, dachte Tom und schmunzelte. Er musste sich Mühe geben, nicht gleich Vorurteile aufkommen zu lassen, aber im ersten Moment konnte er den Kerl wirklich nicht ernst nehmen.
Flink entstieg er seiner teuren Karosse und packte die Sonnenbrille weg, um stattdessen eine normale Sehbrille aufzusetzen. Tom musste lächeln, als er feststellte, wie kleinwüchsig Mario war. Normalerweise machte er sich nie lustig über andere Menschen, doch in diesem Falle konnte er nicht anders. Hinter dem Steuer wirkte der Mann mit dem südländischen Touch wie ein über alles erhabener eitler Geck, und kaum hatte er den Wagen verlassen und stand auf den kurzen Beinen, da wurde man schier genötigt zu lachen.
Nichtsdestotrotz war er sehr freundlich, sowie er Tom erblickte und sich wohl dachte, dass dies sein Geschäftspartner sein müsste.
„Darf ich vorstellen?“ meinte er, „Swetlana!“ Er verwies auf die groß gewachsene und sehr elegant gekleidete Frau neben ihm. „Ich bin der Mario!“ Er streckte Tom die Hand entgegen und lachte, sodass seine blitzweißen Zähne zu sehen waren.
„Freut mich sehr“, erwiderte Tom und drückte beiden die Hand. Swetlana war wirklich eine sehr große Frau und wirkte neben dem kleinen Mario wie eine Riesin. Im Gegensatz zu Irina sah sie überhaupt nicht aus wie eine Schickse aus dem Cabaret-Umfeld. Sie war sehr gepflegt und für Toms Geschmack zu stark geschminkt. Auch wäre sie ihm viel zu dünn gewesen, was durch ihre Riesenhaftigkeit noch zusätzlich betont wurde. Aber sie schien eine wachsame und intelligente Person zu sein, und ihre Augen hatten etwas Durchdringendes und Unergründliches. Tom dachte gleich, dass man bei ihr auf der Hut sein sollte. Irgendwie strahlte sie etwas Falsches aus.
„Dann wollen wir doch mal reingehen und zur Sache kommen“, schlug Mario vor. Seine südländische und wohl wollende Art war Tom sofort sympathisch, auch wenn er über die äußeren Eindrücke nach wie vor schmunzeln musste.
„Sehr gerne; ich habe einen Tisch reservieren lassen und betont, dass wir soweit als möglich ungestört sein möchten“, ließ Tom Mario wissen. „Man sagte mir, wir würden uns in einem ruhigen Eck niederlassen können!“
„Super! Dann schauen wir mal!“
Kaum war Tom Mario gegenübergetreten und hatte ein paar erste Worte mit ihm geredet, da wusste er, mit wem er bei diesem eventuellen Geschäft – es war ja noch gar nichts beschlossen – in erster Linie verhandeln würde. Mario entpuppte sich sehr schnell als Wortführer und Ansprechperson. Swetlana blieb im Hintergrund und sagte vorerst kein Wort.
Sie ließen sich einen guten Tropfen zum Aperitif bringen und stießen erstmal an.
„Willst du?“ fragte Tom Mario, ob er eine von seinen Zigaretten wolle.
„Danke, sehr gerne.“ Swetlana rauchte bereits von ihrer Marke. Obwohl sie nicht den Hauch von Nervosität verspüren ließ, rauchte sie Kette. Sie waren sich vor vielleicht zehn Minuten begegnet, und sie hatte schon die dritte Zigarette angesteckt. Irina machte ebenfalls sehr stark Gebrauch von ihrer Packung, was Hanno mit Sicherheit gar nicht in den Kram passte. Eigentlich verabscheute er Frauen, die rauchten und tranken. Er war der typische Ex-Raucher, der sich zu einem fast militanten Nichtraucher entwickelte und aus seiner Abneigung gegen den blauen Dunst keinen Hehl machte.
Tom musste für sich lachen und wandte sich Mario zu, der ihm eine Menge Fragen zu beantworten hatte.
„Ich möchte gleich vorwegnehmen, dass ich an der Sache sehr interessiert bin“, erklärte Tom ihm. „Aber du verstehst meine Skepsis in einigen Punkten, die ich schon etwas genauer erklärt haben möchte?“ Mario nickte.
„Deswegen haben wir uns ja hier getroffen“, bestätigte er. „Ich danke dir schon jetzt für dein Interesse! Aber was möchtest du genau wissen?“
„Für mich stellen sich drei Fragen zur Erörterung: einmal würde ich gerne wissen, was steuerrechtlich auf mich zukommen wird, wenn ich Swetlana heirate; ich möchte nicht eines Tages eine böse Überraschung erleben und wie ein Esel Steuern berappen.“ Tom wusste noch von seinen Eltern, dass sie unsäglich viele Einkommenssteuern zu entrichten hatten, nach den damaligen Steuergesetzen.
„Das ist kein Problem“, versicherte Mario. „Swetlana wird kein Einkommen generieren, womit du steuerrechtlich keine wesentliche Änderung erfahren wirst!“
„Kannst du mir versprechen, dass Swetlana keiner offiziellen Arbeit nachgehen wird?“ fragte Tom misstrauisch.
„Auf jeden Fall! Solange sie in der Zeit eurer Ehe ohnehin nur eine B-Bewilligung besitzen wird, kann sie kaum eine Stelle kriegen; das ist enorm schwierig unter diesen Voraussetzungen!“
„Der zweite Punkt betrifft Swetlanas Kind“, fuhr Tom fort. Swetlana hatte einen minderjährigen Sohn, der bereits in der Schweiz war. „Bin ich in irgendeiner Form verpflichtet, für den Jungen zu sorgen und müsste ihn sogar adoptieren?“
Mario wehrte mit Händen ab.
„Nein, nein; Swetlana trägt die absolute Verantwortung für den Buben, und adoptieren musst du ihn erst recht nicht!“ Tom kam sich vor wie ein blutiger Anfänger und Nichtswisser, wie er diese Fragen stellte. Nun, er war ja auch ein Anfänger, zumindest hatte er noch nie vorher geheiratet; weder zum Schein noch aus Liebe. Es war ihm schon fast ein wenig peinlich, aber was noch viel unangenehmer war, er wusste nicht, wie weit er sich auf Marios Aussagen verlassen konnte. Mario merkte das offenbar und machte Tom einen Vorschlag.
„Ich kann versuchen, eine befreundete Anwältin mit der Sache zu betrauen. Sie könnte dir dann die Rechtslage noch genauer erklären.“
„Sag mal“, fiel Tom dann ein, „was machst du eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?“ Tom erinnerte sich an das Gespräch, das er mit Hanno im Büro führte. Er mutmaßte, dass Mario Anwalt sei, aber das hielt er jetzt für eher ausgeschlossen.
„Ich bin als Finanzchef in einem Medienkonzern tätig“, sagte er ohne Umschweife und fragte nicht einmal, warum Tom das wissen wollte. Das machte ihm Eindruck, denn es zeugte von Vertrauen.
„Ah“, machte Tom erleichtert, „ich dachte, du seiest Anwalt oder so!“ Er lachte und meinte, dass die Wirtschaft ihm näher liegen würde; mit Juristerei habe er nichts am Hut.
„Aber zurück zur Sache. Du sagtest vorhin, dass mir eine Anwältin die Rechtslage verdeutlichen könnte?“
„Ja, bloß gibt es einen Haken“, sagte er und kaute auf den Lippen. „Die Frau weiß überhaupt nichts von dieser Angelegenheit. Ich weiß nicht, wie und ob ich sie ins Vertrauen ziehen soll. Wir sind seit einigen Jahren schon befreundet, aber ich habe keine Ahnung, wie sie reagieren würde, wenn ...“
„... sie erfahren würde, was wir beabsichtigen“, vollendete Tom den Satz und steckte sich eine weitere Zigarette an.
„Doch“, sagte Mario plötzlich, „ich werde sie benachrichtigen und fragen, ob sie uns helfen wird!“ Tom merkte, dass Mario in der Tat Angst hatte vor diesem Schritt. Aber er gab ihm zu verstehen, wie viel ihm an der Aussage einer juristischen Fachfrau liegen würde. Darüber brauchte Tom keine Worte zu verlieren; Mario merkte dies irgendwie.
„Gut. Dann gibt es noch einen letzten Punkt zu klären“, meinte Tom und wurde plötzlich von Hanno unterbrochen.
„Entschuldige Tomas“, sagte Hanno zurückhaltend, „aber wäre es nicht besser, wenn ihr euch auf Hochdeutsch unterhalten würdet? Sonst verstehen die beiden Frauen zu wenig!“ Mario und Tom schauten sich an und merkten erst jetzt, dass sie die ganze Zeit schon Dialekt sprachen.
„Ist schon gut“, erwiderte dann aber Swetlana. „Ich verstehe schon genug!“ Swetlana schien sich über Hannos Intervention ein bisschen zu ärgern; ihr Tonfall machte jedenfalls diesen Eindruck. Irina machte sich offensichtlich überhaupt nichts aus der Unterhaltung. Sie saß teilnahmslos auf ihrem Stuhl und rauchte eine Zigarette nach der andern.
Mario und Tom beherzigten Hannos gut gemeinten Vorschlag und setzten ihre Diskussion auf Hochdeutsch fort.
„Also“, fuhr Tom fort, „wir waren beim dritten Punkt angelangt, den ich abklären möchte. Wir haben noch gar nicht über die Dauer dieser ... hm ... sagen wir mal ‚administrativen Ehe’ geredet. Hanno sagte mir etwas von drei Jahren, aber das scheint mir nicht sehr lange zu sein, um Swetlana eine ständige Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen, oder irre ich mich?“
„Doch, doch“, bestätigte Mario kopfnickend. „Du müsstest in der Tat lediglich drei Jahre mit Swetlana verheiratet sein; zusammen mit der Zeit, die sie bis jetzt schon in der Schweiz verbracht hat, reichen diese drei Jahre völlig aus!“ Tom blickte Mario scharf an.
„Wie soll ich das verstehen? Du meinst also, dass die bisherige Aufenthaltsdauer von Swetlana – wie lange ist sie eigentlich schon in der Schweiz?“
„Äh ... knapp zwei Jahre!“
„Also, die zwei Jahre, die Swetlana hier in Form eines Visums verbracht hat plus die drei Jahre, die wir dereinst verheiratet sein würden, sollen ausreichen, damit Swetlana den C-Ausweis erhält? Das erscheint mir etwas merkwürdig!“ Mario lächelte besänftigend.
„Schau, es ist tatsächlich so, dass die bisherige Zeit mit den drei Jahren Ehe summiert wird, sodass Swetlana schließlich erwiesenermaßen während fünf Jahren im Land sein wird. Damit hätte sie den Status einer C-Bewilligung erreicht und kann ständig in der Schweiz verbleiben.“ Tom zweifelte sehr stark an dieser Aussage und konnte sich das nicht vorstellen.
„Sorry Mario, wenn ich Zweifel hege, aber ich will ganz sicher gehen“, versuchte er mit Umsicht kritisch zu sein. „Schon aus diesem Grunde möchte ich mich gerne mit deiner Anwaltsfreundin unterhalten!“
„Ich verstehe das vollkommen“, meinte Mario ohne nervös zu werden und bot ihm eine von seinen Zigaretten an.
Endlich nahte die Kellnerin, denn Tom verspürte nach dieser etwas hitzigen Debatte furchtbaren Durst. Kunstvoll reichte sie die Teller mit den Menübestellungen, und er bat noch um ein großes Bier. Seine Hände zitterten schon fast, so groß war der Drang.
Mario wünschte der kleinen Runde auf Russisch einen guten Appetit und strahlte. Tom hatte in der Sache zwar noch nicht zugesagt, aber Mario ahnte irgendwie bereits, dass er das viele Geld einfach nicht ausschlagen konnte. Es war ihm recht, im Verlaufe des restlichen Abends dann nicht mehr über das Geschäft reden zu müssen und stattdessen Mario und Swetlana ein bisschen besser kennen zu lernen.

Leseprobe aus 'Der lange Leidensweg der Mary Ann Fairborn'

Am Morgen des 30. August 1888, es war ein Donnerstag und das Wetter versprach wunderschön zu werden, sassen Mary Ann und George nach langer Zeit wieder einmal gemeinsam am Frühstückstisch. Beide hatten sich schon lange damit abgefunden, nur noch das Nötigste miteinander zu besprechen; Situationen wie an diesem Morgen traten eigentlich überhaupt nicht mehr ein, es sei denn, die Fairborns hatten Besuch. Dann rauften sich George und Mary Ann so gut es ging zusammen. Obschon sich auch heute beide nicht gerade viel zu sagen hatten, schien es Mary Ann so, als ob ihr Mann irgendwie gut aufgelegt sei. Er wirkte gelöst und für einmal nicht so furchtbar nervös. Sie dachte, dass er sich wohl wieder eine gehörige Dosis seiner Medizin verabreicht hatte. Normalerweise war George nur dann so entspannt, wenn er Stoff konsumiert hatte; bloss mit dem Unterschied, dass sich die Einnahme der Drogen nicht wesentlich auf seine Laune auswirkte. Heute Morgen war das anders.
„Ich möchte dich nicht unterbrechen in deiner Zeitungslektüre“, sprach Mary Ann ihn vorsichtig an, „doch ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dir heute Morgen gut geht!“ George guckte sie über seine Zeitung hinweg an. An die eiskalten Augen hatte sie sich nach all den Jahren langsam gewöhnt, und auch heute wirkten sie besonders kühl.
„Da liegst Du gar nicht mal so falsch, Liebste“, antwortete er und legte die Zeitung auf den Teller nieder. Es war Mary Ann aufgefallen, dass George überhaupt nichts zu sich genommen hatte, bis auf die dritte Tasse Tee, an der er nippte. „Ich fühle mich heute ausgesprochen gut!“ Er setzte ein merkwürdiges Lächeln auf, das nicht von Herzen kommen konnte; es kam eher zynisch herüber.
„Freust Du dich auf London?“ wollte sie neugierig wissen, „sonst bist Du vor der Zugfahrt jeweils ziemlich nervös!“ George hatte am Vorabend wieder einmal einen Koffer packen lassen, um sich heute in die Hauptstadt zu begeben. Mary Ann fragte schon gar nicht mehr, weshalb er nach London reiste. Es schien sich wohl wieder um einen Geschäftsausflug zu seinen Londoner Partnern zu handeln, und es war ihr sowieso egal.
„Es ist für mich immer etwas Besonderes, unsere Hauptstadt zu besuchen“, erklärte er ein wenig lapidar, „und vielleicht zeige ich meine Nervosität lediglich nicht!“ Der Klang in seiner Stimme schien ihr gewissermassen angriffslustig, weshalb sie nicht weiter darauf einging; seine Laune war heute einfach zu gut, als sie ihn unnötigerweise zu provozieren versuchte.
„Da Du es erwähntest: ich sollte mich langsam zum Bahnhof begeben. Habe ich doch beinahe die Zeit vergessen“, meinte er mit besorgter Miene, die eher künstlich wirkte. „Es wird wohl Sonntag werden, bis ich wieder zurück bin; vielleicht auch Samstag. Bin noch nicht sicher!“ Mary Ann wunderte sich über seine informative Gesprächigkeit, denn bisher hatte er sich noch selten bis nie über solche Dinge geäussert. Irgendwann war er halt einfach wieder zuhause.
George leerte seine Tasse in einem Zuge und erhob sich vom Stuhl. Er warf einen letzten Blick auf seine Kleidung und steckte noch die Golduhr an. Dann ergriff er den im Empfangsbereich bereitliegenden Koffer und rief Mary Ann einen Abschiedsgruss zu. Sein Verhalten heute kam ihr wirklich ausgesprochen merkwürdig vor. Einerseits schien er so guter Laune zu sein, dass er sich sogar von ihr verabschiedet hatte. Seit Monaten hatte er dies nicht mehr getan. Andererseits war seine Eiseskälte, obwohl auf den ersten Blick nicht offensichtlich, dermassen ausgeprägt, dass sie es mit der Angst zu tun kriegte; ein Gefühl, das ihr schon lange nicht mehr widerfahren war. Seine Unberechenbarkeit, so glaubte sie plötzlich, hatte ungeahnte Ausmasse angenommen und war geradezu krankhaft. Die Gespaltenheit seines Wesens schien an einem Punkt angelangt zu sein, wo Mary Ann ihrem Mann langsam aber sicher alles zutraute. Gleichzeitig rettete sie sich in ihre reale Traumwelt, wo sie mit Vincent Graves zusammensein konnte. Sie nahm sich auch heute wieder vor, Graves zu sehen und seine Nähe hautnah zu spüren. George war unterwegs nach London und Blossom Residence erneut frei für ein weiteres erotisches Abenteuer.

Mary Ann hatte nicht lange gezögert, ihren Liebhaber über Georges Abreise zu informieren. Schon am selben Abend, als George bereits seit ein paar Stunden in London war, kriegte seine Frau wieder Besuch von Graves. Das Personal hatte den regen Kontakt zwischen Graves und Mary Ann längst schon zur Kenntnis genommen und es mittlerweile fast als normal erachtet. In der Küche oder im Geräteschuppen auf dem Gelände wurde zu Beginn selbstverständlich oft über die offensichtliche Untreue Mary Anns zu ihrem Mann getratscht. Doch mit der Zeit gewöhnten sich die Dienstleute an die Situation. Sie hatten schliesslich gar keine andere Wahl, obschon Mary Ann nie auch nur die geringste Bemerkung gegenüber dem Personal gemacht hatte. Sie sagte sich, dass sie dem zwangsläufigen Tratsch auf Blossom Residence umso weniger Beachtung schenken musste, je kühler sie ihre heftige Affäre mit Vincent Graves gegen aussen darstellte.
An besagtem Donnerstagabend, 30. August, lagen Mary Ann und Graves zu später Stunde eng aneinander geschmiegt im Bett. Sie hatten sich wieder ausgiebig und leidenschaftlich geliebt, während Clarence und Mary Rose nebenan friedlich schliefen. Es war Mary Ann wahnsinnig wichtig, die Kinder in einem tiefen Schlaf zu wissen, indes sie der körperlichen Gier nach Graves völlig freien Lauf liess. Sie schmolz jeweils in seinen starken Armen geradezu dahin und war jedes Mal aufs Neue verwundert über ihre eigene Energie, die sie im Zuge nahezu jedes Aktes mit ihrem jungen kräftigen und potenten Liebhaber entwickelte. Sie konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, Graves jemals aufzugeben und wünschte sich jetzt häufiger, das Schicksal möge ihr doch gnädig gestimmt sein und ihren Mann von seinen Qualen erlösen.
Mary Ann schlief unruhig in dieser Nacht und wälzte sich im Bett hin und her. Graves hingegen schien wie ein Stein zu schlafen. Er rührte sich kaum und merkte nicht, wie Mary Ann zuckte und bereits schweissnass war. In den frühen Morgenstunden des 31. August, es war zwischen drei und vier Uhr, schrie sie wie am Spiess um Hilfe.
„Neiiiin“, brüllte sie heftig zuckend im Schlaf, „leg’ das Messer weg!“ Dann schreckte sie hoch und zitterte am ganzen Leib. Graves, durch Mary Anns Schreie schier zu Tode erschrocken, umklammerte ihren schweissgebadeten Oberkörper.
„Ganz ruhig, Darling“, flüsterte er in ihr Ohr, „es war nur ein ganz übler Traum!“ Mary Ann konnte sich kaum erholen. Sie sass aufrecht im Bett, die Decke über die Brüste gezogen und starrte schwer atmend in das Dunkel des Zimmers. Graves machte sich schon Sorgen und befürchtete, sie könnte zu schnell atmen und dadurch bewusstlos werden. Das Zittern beunruhigte ihn am meisten, zumal er so etwas noch nie miterlebt hatte. Mary Ann machte während einigen Minuten nicht den geringsten Eindruck, als würde sie sich wieder beruhigen. Graves streichelte ihr die feuchten zitternden Arme und küsste sie zärtlich auf die heisse Wange, die fast zu pulsieren schien.
„Mein Gott“, keuchte Mary Ann und schloss die Augen, „mein Gott, war das ein Horror! Bitte halt mich ganz fest!“ Graves drückte sie fest an sich und fuhr ihr durch das ebenfalls feuchte klebrige Haar.
„Was war denn bloss los, um Himmels Willen?“ fragte Graves leise, „wovon hast Du denn nur geträumt?“ Mary Ann atmete tief durch und schüttelte den Kopf.
„Ich...ich weiss nicht mehr genau“, stammelte sie und legte sich wieder hin. „Ich weiss nur, dass es die Hölle war. Ich glaube...George hat mich bedroht...mit einem Messer, das so fürchterlich glänzte. Es war wie ein Blitzschlag, und George hatte eine schreckliche Fratze!“ Sie schmiegte sich eng an Graves und begann zu schluchzen. Er küsste sie sanft auf die nasse Stirn und fuhr ihr mit der Hand ganz zart über den Rücken.
„Schscht“, versuchte er sie zu besänftigen, „es wird alles wieder gut, Darling! Träume sind manchmal schrecklich, ich weiss, und doch sind es nur Träume. Ich bin doch da; Du brauchst keine Angst mehr zu haben! Versuche wieder einzuschlafen, meine Süsse! Morgen sieht alles wieder gut aus.“
Mary Ann weinte noch ein kleines Weilchen und döste dann langsam in Graves’ Armen ein. Doch immer wieder zuckte sie zusammen, während Graves sie zart streichelte, bis er auch wieder eingeschlafen war. Für Mary Ann war die Nacht jedoch zu Ende. Sie konnte diese grauenhaften Bilder nicht mehr vergessen, vor allem das blitzende scharfe Messer trat ihr immer wieder vor die Augen.

Allah ist weit weg (und andere Geschichten aus dem Bundeshaus)

Allah ist weit weg


Nicht lange nach dem Einzug von Antons Familie in’s Bundeshaus freundeten sich seine Eltern, besonders die Mutter, mit Leuten an, die eigentlich nicht sehr viel mit der Gesellschaftsklasse eines Hausmeisterpaares zu tun hatten. Der Zufall ergab, dass die Dienstwohnung des Hausmeisters direkt an ein Büro angegliedert war, das in regelmässigen Abständen immer von neuen Diplomaten besetzt war, die nach einer gewissen Zeit wieder verschwanden. Alle diese Diplomaten hatten miteinander gemein, dass sie irgendwann als Botschafter im Ausland tätig sein würden. Antons Mutter war meistens hingerissen von den Männern, die im Gegensatz zu ihrem eigenen Ehemann ein ganz anderes Niveau in Sprache, Kultur und Interessen aufwiesen. Einer dieser Diplomaten beispielsweise stellte sich als begabter Pianist heraus, und da Antons Mutter selber gerne Klavier spielte, war diese natürlich sogleich begeistert von ihm. Auch Antons Vater konnte sich offensichtlich gut mit dem Mann unterhalten, obgleich die beiden überhaupt nichts gemein hatten, bis auf die Leidenschaft für gute Weine. Jedenfalls liess sich der Mann inskünftig öfters bei den Hausmeisterleuten blicken, zumal er die Gelegenheit zu einem guten Mittagessen nutzen konnte. Antons Vater kochte in der Tat hervorragend, und aufgrund seiner Arbeitszeiten hatte es sich rasch eingebürgert, dass er mittags die Küche übernahm. Seine Frau blieb über die Mittagszeit meistens auf ihrer Arbeit, was ihm mit der Zeit sehr gelegen kam; hie und da konnte er sich so mit irgendeiner Frau vergnügen, die er spontan eingeladen hatte. Wenn jedoch der charmante, aus der welschen Schweiz stammende Diplomat zu Gast war, fehlte Antons Mutter nie. Es war gut möglich, dass sie um die latente Untreue ihres Mannes Bescheid wusste und sich so ihr eigenes, wenn auch nicht primär sexuell bedingtes, Vergnügen holte.

So ging es auch weiter, als der nächste Anwärter für eine Botschafterkarriere das Büro neben der Hausmeisterwohnung bezogen hatte. Auch dieser Mann zeichnete sich durch französischen Charme und Stil der gehobenen Klasse aus und fand in Antons Eltern sowohl regelmässige Gastgeber in kulinarischer Hinsicht als auch und gerade in Antons Vater einen weinseligen Kameraden. Es kam ab und zu vor, dass der zukünftige Herr Botschafter die Dienstwohnung reichlich angetrunken verliess, um sich wieder an seine Arbeit zu machen. Auf diese Weise gaben sich dadurch mit der Zeit nicht eben wenige höhere und hohe Beamte die Klinke in die Hand und genossen die ausgesprochene Gastfreundschaft des Hausmeisters und seiner Frau. Diese empfanden dabei stets ein ganz besonderes Gefühl der Ehre und warteten nicht lange zu, bis sie mit den edlen Kontakten in ihrem Freundeskreis hausieren gingen. Der Minderwertigkeitskomplex inbesondere von Antons Mutter trieb sie ständig zur Ambition, selbst ein Teil dieser gehobenen Klasse zu werden, womit sein Vater hingegen eher Probleme hatte. Es kam oft vor, dass er seiner Frau den Vorwurf machte, sie würde in ihm wohl zu wenig sehen; er sei nun einmal nur ein kleiner Hausmeister, was sie gefälligst zu akzeptieren habe. In Tat und Wahrheit war er ebenso wenig abgeneigt, sich stets als etwas Besseres darstellen zu wollen, was sich mit dem Älterwerden vor allem in seiner Kleidung ausdrückte. Plötzlich fing er an, die feinsten Klamotten zu tragen, während er vorher ständig nur in Jeans und T-Shirt durch das Haus stolzierte und die Silhouetten seines durchtrainierten Körpers zur Schau stellte. Die Etikette spielte mit den Jahren eine immer bedeutendere Rolle, zumal er dadurch auch die Aufmerksamkeit der weiblichen Fraktion im Bundeshaus auf sich ziehen konnte.
Dieses nach Fassade ausgerichtete Verhaltensmuster von Antons Eltern kam freilich auch dann voll zum Zuge, als sie die Möglichkeit hatten, den damaligen irakischen Botschafter mit seiner Familie einzuladen.

Die Cousine von Antons Vater war zu dieser Zeit mit einem Angehörigen der irakischen Botschaft zusammen, und da Cousin und Cousine ein sehr gutes Verhältnis zueinander geführt hatten, sah man sich oft im kleinen Kreis. Anton freute sich immer auf den Besuch der recht ansehnlichen jungen Frau, die er in seinen Träumen manches Mal verführt hatte. Aber sie stand ausschliesslich auf Männer aus dem arabischen Raum und überhaupt; nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Anton sich ihr tatsächlich einmal genähert hätte!
Es war ein schöner Sonntag, als die hohen Gäste in der Dienstwohnung empfangen wurden. Die Zeiten waren noch einigermassen friedlich, damals mitten in den achtziger Jahren, und Iraks Diktator Saddam Hussein noch auf gutem Fuss mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Ronald Reagan sah in dem Tyrannen vom Zweistromland nach wie vor einen Zweckpartner in den Fehden gegen das iranische Khomeini-Regime, und solange Saddam Hussein von den Amerikanern gezwungenermassen akzeptiert wurde, musste sich die ganze westliche Welt daran halten. Auch Antons Eltern kümmerten sich in keiner Weise um irgendwelche moralischen Bedenken, wenn es darum ging, einen weiteren Angehörigen der höchsten gesellschaftlichen Kaste bei sich begrüssen zu dürfen. In diesem Sinne hätten sie vermutlich sogar noch dem einstigen chinesischen Ministerpräsidenten Li Peng ein fürstliches Mahl vorgesetzt, als dieser dem Bundespräsidenten einen Besuch abstattete; ungeachtet der Tatsache, dass dieser Mann verantwortlich war für über Tausend Tote, die lediglich für die Demokratisierung Chinas demonstriert hatten.

Anton machte sich zu jener Zeit noch nicht allzu komplexe Gedanken über Recht und Unrecht und war mindestens so gespannt wie seine Eltern, einmal einem ausländischen Botschafter die Hand schütteln zu können und zu hören, was dieser so erzählte.
Nun, sehr vieles hatte der Mann nicht gerade zu schildern, wenngleich er einen sehr höflichen und sympathischen Eindruck machte. Doch Anton bewunderte die Reserviertheit des hohen Diplomaten, der aufgrund seiner ganzen Erscheinung so wirkte, als stamme er aus einem aristokratischen Elternhaus. Dabei war weniger die Kleidung entscheidend, er trat in einem schlichten Baumwollpullover mit eleganten Hosen und Schuhen auf, als seine fein geschnittenen Gesichtszüge und die nicht überkandidelte vornehme Haltung. Im Gegensatz zu ihm konnte man von seiner Frau das Gefühl haben, als trete man vor eine ganz einfache Person vom Lande, die aber in Sachen Höflichkeit und Zurückhaltung ihrem Mann in nichts nachstand. Auch die drei Kinder des Botschafters sahen so aus, als wüssten sie genau, wie sie sich zu benehmen hatten, denn nie kam auch nur ein Wort der Langeweile oder Quängelei über die Lippen. Anton war so beeindruckt von der Familie, dass er kaum Augen für Vaters Cousine hatte, und er realisierte gar nicht, wie freundlich der Botschafter dem Apéro-Wein gesonnen war. Antons Vater musste dem trinkfreudigen Mann immer wieder nachschenken, was ihn doch sehr verwunderte. Schliesslich hätte er als Angehöriger des islamischen Glaubens keinen Tropfen Alkohol trinken dürfen, was ihn jedoch nicht gross zu kümmern schien. Doch der sichtlich um das Wohl der hohen Familie bemühte Gastgeber war umso erleichterter, als er sah, wie tief der scheinbar ziemlich liberale Muslim in’s Glas blickte; denn zu spät fiel Antons Vater ein, dass er mit der Wahl des Mittagsmenüs ja völlig daneben gegriffen hatte. Wenn er schon einen solchen Gast eingeladen hatte, dachte er sich, musste er diesem doch eine typische Berner Spezialität servieren. Was hätte sich da besser geeignet als eine üppige Berner Platte mit allem drum und dran! Dann stellte er erschrocken fest, dass diese ja weitgehend nur Schweinefleisch beinhaltete, und er konnte doch einem Muslim nicht Schwein vorsetzen! Das grenzte ja an Beleidigung. Doch der wohlgenährte Diplomat langte mit Genuss zu und liess den Herrn des Hauses wissen, dass er vorzüglich gekocht habe.
„Dann habe ich keinen Fehler gemacht mit dem Hauptgang?“ fragte dieser mit gebrochenem Englisch und lächelte etwas unsicher.
„Kein Problem“ versicherte der zufriedene Botschafter, „Allah ist momentan weit weg!“